Studierendenprojekt zu den Heimattagen 2021

von: Dr. Maria Lidola

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Studierenden Projekt| Maria Lidola

Maria Lidola ist seit 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin für Lehraufgaben (Lecturer) im Bereich Ethnologie der Fachgruppe Soziologie an der Universität Konstanz. Zuvor war sie Gastwissenschaftlerin 
an der Bundesuniversität Rio de Janeiro (UFRJ, Brasilien). Sie promovierte 2014 im Fach Ethnologie an der Freien Universität Berlin, wo sie von 2009-2015 am Lateinamerika-Institut lehrte und forschte.

Heimat ist nichts Selbstverständliches. In vielen Sprachen dieser Welt gibt es einen solchen Begriff gar nicht, sondern allerlei andere Ausdrücke, die eher mit Herkunftsort oder Zuhause zu übersetzen sind. Auch im Deutschen gehört Heimat noch nicht allzu lang zu unserem alltäglichen Sprachgebrauch. Noch Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff vielerorts eher „ganz trocken“ im juristischen Kontext von Aufenthalts- oder Erbrecht verwendet. Seine 
emotionale Bedeutung kam insbesondere in schwierigen politischen Zeiten zum Tragen: 
etwa in seiner Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus, in Momenten von Verlustgefühlen im Kontext von Flucht und Exil, oder in den Zeiten einer eher rückwärtsgerichteten Suche nach Stabilität nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Heimat ist heute daher ein strittiger Begriff, der für viele auf Aus- und Abgrenzungen oder ein romantisiertes Festhalten an Tradition und Geschichte verweist. Und dennoch bleibt Heimat nach wie vor auch eine wichtige, ganz alltägliche Bezugnahme für die emotionale und soziale Verortung von Menschen, die über Freundschaften und Verwandtschaft hinausgeht und Zugehörigkeiten zu Orten und Gemeinschaften umfasst. 


Als ich gefragt wurde, im Rahmen der Radolfzeller Heimattage ein Projekt mit Studierenden der Uni Konstanz durchzuführen, war ich zunächst skeptisch. Heimat als Bezugspunkt war eigentlich nie wirklich Teil meiner Lebenswelt gewesen. Obwohl ich mich später für das Studium des sozialen und kulturellen Zusammenlebens begeisterte, interessierten mich 
als Jugendliche in meiner Geburtsstadt Hoyerswerda weder die sorbischen Bräuche, 
noch das Klagen über eine sich stark verändernde Stadtgesellschaft der Nachwendezeit. Fernweh war mir stets näher als Heimatgefühle, und so zog ich nach dem Abitur zunächst nach Ecuador, dann zum Studium nach Berlin. Seither „pendele“ ich privat und beruflich zwischen Brasilien und Deutschland. So habe ich mittlerweile eine kleine Sammlung an 
vertrauten Orten, an denen ich mich zuhause fühle und zu denen seit einiger Zeit auch der Bodensee zählt. Aber Heimat? Nun, das scheinbar Selbstverständliche von außen zu 
betrachten, gehört zu meinem Arbeitsgebiet als Ethnologin. Was ist es also, was die Radolfzeller_innen unter Heimat verstehen? Wie und wo „machen“ und leben sie Heimat in ihrem Alltag? Wie unterschiedlich wird Heimat erfahren, etwa von Jugendlichen und Rentner_innen, Kleinfamilien und Studierenden, Arbeitssuchenden und Arbeiter_innen, Narrenvereinsmitgliedern und Punks? Welche Gefühle, Gerüche und Geräusche verbinden sie 
mit Heimat? Wie durchdringen Heimat und Beheimatung einzelne Lebensgeschichten von Zu- und Weggezogenen und von Gebliebenen? In welchen kleinen Alltagsgeschichten und -routinen steckt das Gefühl der Zugehörigkeit? Im Projektseminar werden sich die Studierenden mit diesen Aspekten beschäftigen und sich dabei so nah wie möglich an die Ansichten, Gefühle und Geschichten der Radolfzeller_innen annähern. Wir möchten Sie 
hierbei in den nächsten Monaten begleiten und befragen und die ganz unterschiedlichen Erzählungen von und Sichtweisen auf Heimat und Beheimatung auf Foto, Video und Audio festhalten. Die Ergebnisse werden im Jahr der Radolfzeller Heimattage in einer multimedialen Ausstellung in der Villa Bosch präsentiert. Und vielleicht trägt das Projekt auch zu einer Diskussion über ein gutes Zusammenleben bei.